Zebraherde

Zwei Farben, oder: Die Angst des Pele Wollitz vor großen und kleinen Männern

 

Es war der 01.03.2011, als der Mannschaftsbus des FC Energie Cottbus zu einem kleinen Ausflug ansetzte, um im Ruhrgebiet das DFB-Pokal-Halbfinale zu bestreiten, und ich weiß nicht, wie es in diesem Bus herging, als er noch vor dieser ominösen Ausfahrt in einem ruhigen, sachlichen Tempo die Autobahn entlangschlich. Wahrscheinlich sah es so aus wie immer im Bus von Fußballprofis: Acht Spieler hatten ihren Kopfhörer auf, sechs weitere simsten ihr 160-Zeichen-Sprachvolumen durch die Prärie und drei weitere waren damit beschäftigt, den Kasper zu mimen und Tittenkalender herumzuzeigen, während der Rest der Bande stumpf durch die Gegend blickte und sich dem Müßiggang hingab. Das Übliche halt.

Aber wenn ich es mir vorstellen dürfte, wie es ab Stadtgrenze Duisburg weiterging, dann fällt mir immer wieder dieser Tagtraum ein, welchen ich so passend wie aussagekräftig finde, dieses Szenario von geifernden Trainern, die an die Ehre ihrer Spieler appellieren, von Spielern, denen langsam aber sicher der Speichel im Munde zusammenläuft angesichts der anstehenden Partie, von bebenden Lippen und zitternden Körpern.

Wenn ich mich an dieses Spiel erinnere, muss ich immer wieder an Pele Wollitz denken, seinerzeit Trainer der Lausitzer, und ich stelle mir dann immer vor, wie er sich langsam aus seinem Sessel in der ersten Reihe erhebt, zum Mikrofon greift und um Aufmerksamkeit bittet. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie seine Spieler die Kopfhörer abnehmen und die Kalender einklappen, wie die Karten hingelegt und die Ohren gespitzt werden, wie langsam die Stimmung einzieht, derer es bedarf, um so eine Partie angehen zu können. Der letzte Schritt vor Berlin, Wollitz und seine Bande.

„Jungs“, sagt Wollitz langsam. „Ich würde gerne im vorhinein ein paar Worte an euch richten, Worte über Mensch- und Männlichkeit, über die Bedeutung dieser Partie, für uns, für die Lausitz und für den Rest der Welt.“

Er macht eine bedeutungsschwangere Pause, während der Bus die A 59 entlangfährt. Es ist schon dunkel, die Cottbusser rollen an dem Loveparade-Gelände vorbei, nur von ein paar Scheinwerfern erhellt, und Wollitz zeigt mit dem Finger auf den verlassenen Schotter und führt das Mikrofon dicht an seinen Mund: „Männer, diese Stadt, dieser Verein und diese Leute hier sind eine Katastrophe. Immer wieder versuchen sie, Großes auf die Beine zu stellen, immer wieder tut diese Stadt so, als sei sie Weltstadt. Sie sind bisher immer gescheitert!“.

Der komplette Kader des FC Energie Cottbus ist jetzt auf der Höhe. Es sind junge Kerle, wild und ungezügelt, Leute, die hier und heute ihr erstes großes Spiel bestreiten und die Geschichte schreiben wollen. Jungs, die danach gieren, dieses Feld zu betreten.

„Wir werden uns von den Duisburgern nicht unseren Traum kaputtmachen lassen. Nicht von diesen Leuten, nicht von diesen Verbrechern!“.

Wollitz Stimme bebt langsam, der Stakkato-Rhythmus seiner Obszönitäten lässt seine Stimmbänder vibrieren: „Es sind Verbrecher, widerliche Kreaturen, denen man Einhalt gebieten muss! Es sind Größenwahnsinnige, die glauben, dass man von jetzt auf gleich Weltklasse spielen könnte! Es sind Menschen, die kein Recht darauf haben, den heiligen Berliner Rasen zu betreten! Sie sind nichts, sie sind es nicht wert! Niemand braucht den MSV Duisburg im Pokalfinale, absolut niemand!“

Er tippt den Busfahrer an, ein verabredetes Zeichen. Dieser reicht ihm einen 5-Liter-Kanister Benzin, wie auf Kommando, eine einzige, flüssige Geste.

„Und um euch zu zeigen, wie ernst ich es meine, wie sehr ihr diesen Sport leben müsst, um Großes zu erreichen, was für ein Kerl man sein muss, um hier und heute bestehen zu können, werde ich jetzt als Zeichen unserer symbolischen Kraft, als Zeichen unseres Zusammenhalts einen tiefen Schluck aus diesem Benzinkanister nehmen und mir danach eine Zigarette anzünden…“.

Wollitz starrt in weit aufgerissene Münder, als er den Benzinkanister hochhält. Mehr als zwanzig Augenpaare blicken ihn ungläubig und ängstlich an. Der Bus wechselt die Spur und fährt Richtung Ausfahrt, es sind nur noch wenige Meter bis zum Stadion und Wollitz, Motivationsgenie und Taktikfuchs in Personalunion, setzt dazu an, den letzten Akt seiner Choreographie herunterzuspielen. Während der Bus langsam die Ausfahrt hinunterrollt, schreit er: „Wir müssen brennen, versteht ihr, brennen! Wir müssen so heiß sein, wie wir noch nie waren, wir müssen dieses Feuer in uns spüren, wir müssen das bengalische Feuer der Lausitz sein und diese Region in ein menschenwürdiges…“

Es klopft an der Scheibe. Pele Wollitz, sichtlich überrascht durch diese Intervention, blickt durch das Fenster. Er sieht etwa fünfzehn Leute, die auf der anderen Straßenseite stehen,  manche von ihnen winken freundlich, andere lächeln und grüßen herüber, alle haben Warnwesten an.

Als er den Blick ein wenig senkt, sieht er in ein glatzköpfiges Gesicht, dessen Nase sich anscheinend über Jahre hinweg selbstständig gemacht hat und mit einer leichten Linkskurve zentral im Gesicht vor sich hinvibriert.

„Herr Wollitz“, sagt der Kopf freundlich. „Wir freuen uns sehr, dass sie heute da sind und wollten uns kurz mit ihnen über die Rahmenbedingungen der heutigen Partie unterhalten. Zwecks dessen haben wir ein kleines Empfangskomitee zusammengetrommelt, da wir all unsere Beschlüsse basisdemokratisch fällen. Ich soll ihnen von allen ein herzliches `Willkommen in Duisburg` ausrichten, auch wir freuen uns auf diese Partie und sind im Gedanken des Fairplays unterwegs. Ich denke also, ihr steigt jetzt mal alle Mann aus, wir zählen dann durch und dann schauen wir mal. Einverstanden?“

Es dauert seine Zeit, bis Pele Wollitz versteht, was ihm gerade passiert ist. Er wirft einen Blick über die Straße, erkennt in etwa hundert Metern Entfernung eine kleine Eckkneipe, schüttelt mit dem Kopf und tippt dem Busfahrer erneut auf die Schulter.

„Könntest du mir mal bitte verraten, warum wir ausgerechnet hier entlang fahren?“, wispert er leise und verengt die Augen zu Schlitzen. „Kannst du mir mal verraten, welcher Idiot auf die Idee kam, exakt diese Abfahrt zu nehmen? Sag mal, bin ich hier eigentlich nur von Dilettanten umgeben?!“

Den letzten Satz kreischt er, bevor er wieder ein Klopfen an der Scheibe vernimmt. Der Mann, der etwa 1,95m groß ist und im Laufe seines Lebens anscheinend sowohl den Besitzer von Kailitos Way als auch den Inhaber des ortsansäßigen Fitnessstudios zu einem sehr wohlhabenden Mann gemacht hat, schiebt seinen Kopf abermals vor die Scheibe.

„Herr Wollitz, nichts für ungut und wir wollen auch nicht unhöflich klingen, aber auch wir haben nur ganz wenig Zeit, sie sollten uns unsere Ungeduld also nachsehen. Ich denke, wir fangen einfach an, ok? Wir sehen dann ja, wie es weitergeht. Herr Wollitz, nochmals: Alles, alles Gute und viel Glück für die anstehende Partie“.

Pele Wollitz lässt sich in seinen Sitz gleiten. Er schwenkt den Kopf ein bisschen hin und her, dann lässt er ihn einfach vornüber aufs Knie fallen.

„Chef, die Nummer mit dem Benzinkanister machen sie jetzt nicht mehr, oder?“, fragt der Busfahrer.

Pele Wollitz schüttelt mit dem Kopf, erhebt ihn und wirft einen Blick auf die Straße. „Die sind hier doch alle irre…“, wispert er leise, bevor der Bus langsam zu Wackeln anfängt.

 

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